Huxleys Spaßgesellschaft – Soma im Gefühlskino
by Mitgerissen on Oktober 16, 2008
In Huxleys Schöner Neuen Welt wird die Spaßgesellschaft zur Staatsräson erklärt. Bewusstseinsreisen durch eine ordentliche Dosis Soma und erregende Stunden im Gefühlkino hätten bestimmt auch im deutschsprachigen Raum unzählige Anhänger.
Schöne Neue Welt Interpretation für Puritaner
Die Zukunftsutopie Schöne Neue Welt von Aldous Huxley interpretieren nicht alle Leute als eine erstrebenswerte Spaßgesellschaft. In der typischen Vorstellung erklärt ein moralisierender Deutschlehrer, dass Huxley hier ein Negativszenario erschaffen hätte. Der Mensch würde nur durch Zerstreuung bei Laune gehalten und so letztendlich versklavt werden. Das Ergebnis, so vermutlich die allgemeine Schöne Neue Welt Interpretation, wäre ein Mensch, der sich von seiner natürlichen Existenz entfernt hat.
Welch neue, schöne Welt sich da eröffnet!
Als man einst zum ersten Mal mit der schönen neuen Welt in Kontakt kam, erschien einem Huxleys Vision als das ultimative Daseinsoptimum. Eine geordnete Welt, in der jeder seinen Platz hat und noch dazu bei Laune gehalten wird. Man könnte Huxleys Welt auch als eine Gesellschaft mit Bedürfnisbefriedigungsgarantie bezeichnen. Im Vordergrund steht natürlich das psychedelische Zerstreuungspräparat Soma, das bei ganzen Generationen zu einem Mythos für das ultimative Spaßmedikament wurde. Die Spaßgesellschaft zeigten sich nur zu gerne bereit, jede neue, schöne Welt zu erforschen.
Spaß, Sicherheit, Glück und Wohlstand für alle
Anstatt Arbeitsplatzverlagerungen und Finanzkrisen gibt es bei Huxley sichere Jobs und Wohlstand für alle. Als Bürger der schönen, neuen Welt kommt man in den Genuss einer staatlich organisierten Spaßgesellschaft. Wenn der Zufall es nicht so gut mit einem meinte und man nur von niederer Kaste ist, gibt es immer noch genug Möglichkeiten, sich zu trösten. Selbst der hässlichste und dümmste Epsilonminus kann sich mit einer kräftigen Dosis Soma in ein erotisches Gefühlskino setzen. Und wer es in Huxleys Welt kaum noch aushält, katapultiert sich mit einer noch größeren Ration Soma astral auf den Mond.
Schöne neue Welt der Zukunft
Ob die Schöne Neue Welt ein Zukunftsmodell ist, sei dahingestellt. Huxleys überzeichnetes Konstrukt ist aber der überwachungsstaatlichen Schreckensutopie von George Orwells Roman 1984 allemal vorzuziehen. Huxleys Welt betont einen Aspekt des Zusammenlebens, den unsere puritanisch geprägte Wirtschaftsordnung sträflich vernachlässigt, nämlich die bewusst geförderte Bedürfnisbefriedigung.
2 comments
Soma für alle! Ich bin für einen völligen Verzicht von Alkohol, falls der Staat mir meine tägliche Portion Soma garantiert.
by Somalover on Oktober 18, 2008 at 12:23 pm. #
Das sehe ich ähnlich wie Somalover. Lieber Soma, als Alkohol, der einen schreclichen Kater beschert, wenn nicht Schlimmeres.
Nur zur Erinnerung: In der Schönen Neuen Welt wurden Embryonen mit um so mehr Alkohol vergiftet, je niedriger die Anforderungen ihres zukünftigen Berufes sein sollten.
by Gonzo on Oktober 20, 2008 at 11:41 pm. #