Morgenlandfahrt im Englischen Garten der 90er Jahre

by Mitgerissen on Oktober 9, 2008

Anfang der 90er Jahre konnte Jim Morrison durch Oliver Stones Doors Film ein weiteres Mal seine Vorbildfunktion erfüllen. Millionen Youngsters nahmen seine Botschaft der Bewusstseinserweiterung dankend auf und verwandelten ihre Welt in einen anhaltenden Indian Summer.

Teil 2 Abgefahrene Partyerlebnisse – Morgenlandfahrt nach Utopia

Im Rahmen der Mitgerissen-Serie Abgefahrene Partyerlebnisse widmet sich dieser Beitrag einer ganz besonderen Party, wie sie von manchem Anfang der 90er Jahre zelebriert wurde. Konkret meine ich die Morgenlandfahrt im Sommer 1992, in der sich der Englische Garten in einen lang anhaltenden Indian Summer verwandelte.

Das Doors Revival Anfang der 90er Jahre


Medial begleitet wurde der Sommer 1992 von dem noch immer stark wirkenden Doors Film und dem Buch “Uns verbrennt die Nacht”, das Geschichten aus Jim Morrisons Jugend erzählt. All diese Storys über Jim Morrison, egal ob als Film, Biografie oder Roman, inspirierten mich, eine völlig progressive Lebensführung einzuschlagen. Einige Jungs aus dem Freundeskreis und sogar aus der Berufsschule sahen das ganz genauso. Irgendwie lösten wir durch unseren Wunsch nach einem Indian Summer einen kollektiven magischen Effekt aus, wie unzählige Andere, die wie Jim Morrison auf der Schlange reiten wollten.

Morgenlandfahrt mit Jim Morrison und Albert Hofmann

So kam es, dass sich der Sommer 1992 in eine Morgenlandfahrt verwandelte. Sie startete nahe des Seehauses im Englischen Garten. Das unausgesprochene Ziel war ein avantgardistisches Hippieutopia, eine Mischung aus TUI-World, Disneyland, Venice Beach und München Schwabing. Das offizielle Ziel blieb natürlich weiterhin das ferne Morgenland, in dem man sich selbst finden wollte.

Anfang der 90er Jahre war – zumindest in München – eine Zeit, in der man irgendwo auf den vielfältig verzweigten, labyrinthartigen Wegen zwischen dem Chinesischen Turm und dem Monopteros tatsächlich mal Thomas Mann, Albert Hofmann, Carl Gustav Jung oder Hermann Hesse auf einer eigenen Morgenlandfahrt begegnen konnte.

Englischer Garten Beach

Surfer vom Strand kamen uns entgegen, auch einige Hells Angels. Vielleicht gehörten die Rockertypen auch zu einer anderen Motorradgang. Meine Aufmerksamkeit wurde ganz auf die Strandschönheiten gelenkt, aber die hatten es mehr mit den Surfertypen und ihren Brettern. Bald wurde das unwichtig. Ein Sturm kam auf. Objektiv hatten wir immer noch das Ende eines warmen Sommernachmittags Anfang in den 90er Jahren, aber die Stimmung änderte sich schlagartig. Wir sprinteten in die Wälder, um uns vor dem Unwetter in Sicherheit zu bringen. Das war auch schnell vergessen, denn im Wald trafen wir auf Ents, sprechende Bäume. Sie verscheuchten uns, wir rannten weg, nur um einen Weg einzuschlagen, der uns wieder in ihre Fänge führte. Ich vertraute ganz in die Weisheit meiner Echsenleder Cowboystiefel. Dank dieser höheren Führung entdeckten wir einen Pfad, bevor es zu spät wurde. So entkamen wir dem Kreislauf, der sich wie eine Schleife unentwegt wiederholte.

Vom Englischen Garten ins ferne P1

Plötzlich standen wir vor dem P1, damals noch an der rechten Seite des Hauses der Kunst liegend. Da war Bikerparty. Harleys parkten vor dem Gitter und der Sturm hatte sich gelegt, es wirkte alles sehr sommerlich. Leise konnte ich Jim Morrison “Queen of the Highway” singen hören.
Aufgrund sphärischer Erschütterungen sahen wir uns gezwungen, so schnell wie möglich an der Freiluftbar zu nehmen. Das war blöde, denn drinnen hatten wir eine kaum angebrochene Wodkaflasche von … wann auch immer.

Vom P1 ins ferne Santorin

Als das P1 schließen musste, schlenderten wir Richtung Strand. Vielleicht warteten ja die Surferhasen von neulich darauf, dass sie ein paar kühne Ritter auf Morgenlandfahrt anquatschen. Doch am Strand wartete nur das wellenarme ägäische Meer.

Es war uns völlig egal, wie wir nach Santorin gekommen sind, wir wollten weg. Wollten keine Morgenlandfahrt mehr, wollten ein Rückflugticket nach München, sofort. Der Reiseleitungstyp wollte uns stattdessen auf die benachbarte Partyinsel schippern. Mir wäre ein Taxi ins Roses lieber gewesen. Wir beharrten auf unseren Rückflug.

Zurück in den Englischen Garten der 90er Jahre

Das Laub wurde schon ein wenig welk, viel herab von den Bäumen, verzierte die Wege des Englischen Gartens mit kunstvollen Formen. Der Indian Summer war in vollem Gange. Ich trank einen Baileys und betrachtete die spätsommerlichen Bäume, die ein sphärisches Eigenleben führten.
Am Ende wartet doch auf uns all nichts anderes als der ewige Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. Später sollte es noch ins Roses gehen. Der Sommer war fast vorbei.

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4 comments

Inspirierend. Das weckt die Lust in einem, auf eine Reise zu gehen.

by Tina on Oktober 13, 2008 at 9:14 am. #

Das nenne ich Zufall! Genau diese Lust, auf eine unbestimmte Reise zu gehen, hat mich dazu gebracht, das 92er-Morgendlandfahrt-EGarten-Szenario zu beschreiben.

by Chandler on Oktober 13, 2008 at 10:15 pm. #

die letzte literarische morgenlandfahrt wasz umerto ecos baudolino

by reliquiensammler on Oktober 26, 2008 at 11:30 am. #

[...] Space Ibiza Englischer Garten München [...]

by Als blinde Passagiere ins Ministry of Sound London | mitgerissen on Januar 20, 2009 at 1:44 pm. #