Es war einmal in einem fernen Land in einem anderen Universum … Im Rahmen eines groß angelegten Affentheaters kritisierten dort digitale Analphabeten das Internet und unverstaubte Erscheinungsformen der Medienkultur, von der Onlinegemeinschaft über kostenlose Geo-Dienste bis hin zu beliebten Games.
Ein ironischer Kommentar zu den grotesken Vorgängen im Lager der Schildbürger.
Fachidioten im Schildbürger-Lager
In dem fernen Land, in dem es hier geht, lief es für ein paar goldene Dekaden eigentlich recht gut, vor allem ökonomisch. Doch mit einer sich veränderten Welt ging es auf diffuse und undurchsichtige Art bergab, ganz langsam über viele Jahre hinweg. Im Großen und Ganzen hielt sich die Härte dieses Abwärtstrends in Grenzen, in manchen Bereichen verbesserte sich die Lage sogar, doch die Regierenden verloren an Beliebtheit.
Das lag sicherlich auch daran, dass viele, vor allem jüngere und anspruchsvollere Bürger mehr Rechte und einen wunschgemäßeren Lebensstandard erwarteten. Die regierenden Überbürger, ausgezeichnet mit einem Ehrenschild, der sie zu Schildbürgern machte, verstanden das nicht, zumal sie so ausführlich und professionell erklärt haben, warum die Lage nun mal so ist, wie sie ist. Diese Kaste verstand wirklich viel von ihren Schildbürgerregeln, hatte diese oftmals studiert, bis hin zum zweiten Staatsexamen. Doch leider fand das seinen Ausgleich in einem mangelhaften Verständnis auf anderen Gebieten. Experten nannten das den schildbürgerlichen Tunnelblick.
Schöne digitale Welt
Viele große Verbesserungen der krisengebeutelten Neuzeit fanden im Unterhaltungs- und Kommunikationsbereich statt. Diese Fortschritte beeinflussten Massen- und Subkulturen, im realen Leben, im Alltag. Genau dieser Bereich blieb den Schildbürgern anscheinend verschlossen – wie auch so manchem Bürger von der Straße.
Trotz ihrer Wissenslücken wetterten die Schildbürger gegen Vieles, das nicht ihre etwas verstaubten Vorstellungen entsprach. Suchmaschinen, Killerspiele, Geodienste, Techno und vieles mehr gerieten in ihrem Visier. Komischerweise waren es nicht selten Dinge, die gerade jüngeren Generationen Spaß machen, teilweise kostenlosen Nutzen anboten und sich zunehmender Beliebtheit erfreuten, und zwar in vielen Altersklassen.
Fortschritt und Leitkultur
Da in einer vergreisenden Gesellschaft moderner Fortschritt nicht überall Anklang findet, sahen die Tunnelblickokraten ihre Chance. Regelmäßig rollten nämlich ihre Köpfe aus wichtigen Ämtern, weil der wählende Bürger ihnen eine Mitschuld an wirtschaftlichen und sozialen Problemen gab.
Durch triebgesteuertes Schimpfen gegen Fortschritt sagen sie eine Chance, ein Problem herbeizureden, das keines war, nur um sich anschließend damit zu profilieren, gegen dieses vermeintliche Problem zu sein. Das musste ihnen wohl budgetschonender als Rentenerhöhungen oder Investitionen in Bildung vorgekommen sein. Vielleicht waren sie aber auch nur von Natur aus böse.
Theatralisches Aufspielen und symbolkräftige Handlungen machten die Clownsnummer perfekt. Die oft grotesken Äußerungen wurden noch dazu völlig ungeniert vorgetragen, als ob es keine klar denken Bürger mehr gäbe.
Ein Schild für die Wahlen
In Wahlkampfzeiten kamen die Oberschildbürger gerne mit absurden Zusammenhängen. Wenn viele der nötigen Stimmen nicht mit Wohlstand und Konsum hergingen, musste man eben versuchen, sich an jene zu wenden, die sich mit ein paar hirnrissigen Verbotsforderungen, Internetsperrren und etwas irrationalem Herumgeblöke zufriedengaben. Diesen Bodensatz der Gesellschaft erhoben die Oberschildbürger mal glatt zum Leitkultur-Musterbürger. Der sollte ihnen wohl die fehlenden Stimmen bringen, wenn schon Klügere ihnen diese zunehmend verwehrten oder zumindest unbequem taktisch damit umgingen.
Aber es reichte trotz aller Befürchtungen und neu entstehender Partien meist irgendwie. Immer wieder kam der Schildbürger so in Entscheidungspositionen und konnte von dort aus versuchen, seine groteske Leitkultur auch jenen aufdrücken, denen diese Höchst zuwider war. Selbst wenn sie dafür den Analphabeten in sich wecken mussten und es sich mit so manchem potenziellen Wähler für immer verscherzten.