Sep 08

Zeitler besitzt eine übersinnliche Fähigkeit. Er wachte eines Morgens auf und schaltete wie gewohnt seinen Rechner an, um ins Internet zu gehen. Plötzlich tauchte er regelrecht ein, in die digitale Welt der Datenströme, Kabelverbindungen und Tiefseeleitungen. Zeitler kann im DSL-Netz existieren und dort unglaubliche Dinge bewirken.

Kurzgeschichte

Die finanziellen Leiden des jungen Zeitler

Zeitler war nicht besonders reich. Genau genommen hatte er gewaltige finanzielle Probleme. Die freiberufliche Tätigkeit ging vor einem Monat zu Ende. Vertrag wurde nicht verlängert.

Seine Rücklagen reichen noch für drei oder vier Monate, wenn er sparsam lebt. Und einen neuen Job hat er auch noch nicht bekommen. Mitten in der Rezession, während Millionen ihre Felle davonschwimmen sehen und auf freie Stellen oft Hunderte Bewerber kommen, ist das nicht ganz einfach.

Selbst später, als Zeitler seine neue Fähigkeit entdeckt hatte, schmerzt ihn noch die Erfahrung, ohne Schutznetz und Absicherung dem Arbeitsmarkt ausgesetzt gewesen zu sein. Er hatte alles mitgemacht. Lehrling, Festangestellter, Zeitarbeiter, Praktikant, Scheinselbstständiger.

Jede Minute, die er mit diesen unseligen, unterbezahlten Aufgaben verbracht hatte, war die reinste Zeitverschwendung. Lebenszeit gegen Geld. So sah das Geschäft mit den grauen Männern aus.

Licht am Ende des Kabelnetzes

Die neue Fähigkeit hat Zeitler an jenem sonnigen Morgen entdeckt, der ihm eine bessere Welt vor Augen führte. Und auch so etwas wie Selbstverwirklichung und Erfüllung.

Ohne Vorwarnung befand sich sein Bewusstsein auf einmal im Internet. Doch er war diesem Gefühl nicht schutzlos ausgeliefert. Die Hand des realen Körpers befand sich immer noch an der Maus. Von dort lenkte diese Zeitlers Bahnen und Wege durch das DSL-Netz, durch das er in seinem digitalen Feinstoffkörper nahezu ohne zeitliche Verluste reisen konnte.

Es war, als ob Zeitler das schon immer konnte, dazu geboren worden war, sich auf diese Art durch das Internet zu bewegen. Das Wort “surfen” gewann für Zeitler in diesen schönsten Augenblicken seines bisherigen Lebens eine völlig neue Bedeutung. Er surfte, wie nie zuvor in seinem virtuellen Sein, auf das Licht am Ende des Tunnels zu.

Dem Vermögen entgegensurfen

Es dauerte nicht lange, bis Zeitler das Potenzial seiner neuen Fähigkeiten entdeckte. Es gab keine virtuelle Schranke, keine Sicherheitsbarriere, keine Firewall, die ihn aufhalten konnte. Zeitler blickte durch Überwachungskameras und private Webcams, er hatte Einsicht in Daten von Rechtsanwaltskanzleien, Aktiengesellschaften, Behörden, Banken und Geheimdienste.

Zeitler konnte sich in Banken ein uns aus bewegen, als ob er durch sein Wohnzimmer surfen würde. Es gab kein Passwort, das sich ihm in den Weg stellte.

Während dieser Surftrips nahm Zeitler das Internet nicht mehr über seinen Bildschirm war. Er steckte mittendrin und hatte es mit plastischen DSL-Strukturen zu tun, die er fühlen konnte, durch die er rutschte, sich entlangleiten ließ oder die er auch blockieren konnte. Doch die produktivste Erfahrung machte Zeitler in der Bank. Er konnte das Geld einpacken und mitnehmen – zumindest theoretisch.

Wunderschönes Geld

Das Geld sah einfach zauberhaft aus. Es waren Banknoten, doch sie schimmerten golden. Und sie hinterließen so etwas wie einen Feenstaub aus Platin als Spur. Dieser tänzelte um sie herum und hinterließ einen dünnen glitzernden Streifen, der sich durch das Kabelgewirr zog. Die Eigentümer, das war Zeitler klar, konnten so den Spuren des Geldes folgen. Aber Zeitler wusste, was zu tun war.

Reich werden strikt nach Plan

Zeitler war nicht gierig. Er konnte warten. Er besorgte sich ein ganzes Jahr lang Know-how. Über Datenbanken, Firewalls, Offshore-Konten und über das Vorgehen der Behörden, der seine Taten mit Sicherheit ein Dorn im Auge waren, für den Fall, dass sie entdecken sollten, was er trieb. Sämtliche Sicherheitsvorkehrungen wurden deshalb getroffen.

Die Ausführung begann gezielt und emotionslos. Er hatte sein Vorgehen gedanklich durchgearbeitet. Der Plan stand nicht nur, er wurde bereits mehrfach durchlebt.

Zeitler ließ sich in das Netz hineingleiten. Sofort wurde er von seinem DSL 16000 gepackt. Er konzentrierte sich auf die Louis Sodom international Bank, einem der geheimsten und größten Offshore-Finanzunternehmen dieses Planeten. Dort befanden sich Unsummen an Schwarzgelder unterschiedlicher Illegalität. Und genau dort wollte Zeitler abräumen.

Ganz nach Plan begab er sich in das von ihm wahrgenommene informationstechnologische Zentrum der Offshore-Bank und schickte seine Helfer aus. Das waren kleine Robots, die von allen möglichen Konten Kleinstbeträge abbuchen sollten, sodass niemand zu sehr geschädigt wurde. Die Beträge sollten als eine Bankgebühr getarnt sein. Und die Bankgebühr selbst war offiziell die Tat eines inzwischen verunglückten Managers. Ein explodierendes Schnellboot, beladen mit C4, rammte vor ein paar Wochen versehentlich seine Jacht. Irgendjemand wollte hier wohl auf Nummer sicher gehen.

Die Robots kamen zurück und luden die glitzernden Banknoten in seine Reisetasche. Es war das virtuelle Pendant zu der Tasche, mit der Zeitler sich nachher in das Flugzeug begeben und in das anvisierte Offshore-Paradies auswandern wollte. Es lag auf einer anderen Insel als jene Bank, die er gerade virtuell ausraubte.

Zeitler war nicht gierig. Er wollte einfach nur ein gewisses Maß an Freiheit. Als die Summe von 4.800.000 Euro erreicht war, befahl er den Bots, sich selbst zu zerstören. Eigentlich hätte viel weniger gereicht, doch man wusste nie, wen man zu schmieren hatte oder wer einem plötzlich wegen seines Reichtums zu erpressen gedachte. Nachdem die Bots ihre Spuren verwischt und sich dann selbst ausgelöscht hatten, nahm er die Reisetasche mit all ihren schimmernden Banknoten und ließ sich mit High-Speed durch das Netz treiben. Die Reisetasche sorgte dafür, dass keine Spuren hinterlassen wurden. Ansonsten hätte ein dünner Platinstreifen den Weg markiert, den das Geld durch das Netz zurücklegte. Eine solche Spur zu hinterlassen lag wirklich nicht in Zeitlers Interesse.

Daheim angelangt überprüfte er seine Kontobewegungen. Über den Umweg einiger ausländischer Stiftungen landeten die 4.800.000 Euro tatsächlich auf dem Zwischenkonto. Die Gutschrift konnte am Telefon bestätigt werden.

Keine halbe Stunde später stieg Zeitler in ein Taxi, das ihn und sein Gepäck zum Flughafen brachte. Dem Fahrer erzählte er etwas von einer Pauschalreise nach Teneriffa.

Im Flugzeug entspannte sich Zeitler ein wenig. Die Maschine würde in einigen Stunden in der Freiheit landen. Erst einmal war ein Leben unter Palmen angesagt, voller Diner Partys und tropischen Schönheiten, viele von ihnen reich und aus steuerlichen Gründen eingewandert. Fast wie Zeitler selbst.

Nach der Landung checkte Zeitler im Hotel ein. Unter seinen echten Namen. Er wollte sich eine Flasche Roséchampagner aufs Zimmer kommen lassen, um schon mal für sich etwas vorzufeiern, ließ es aber bleiben. Noch waren die Schäfchen nicht hundertprozentig im Trockenen, obwohl die Zahl an 99,9 % herankam.

Am nächsten Morgen ging Zeitler zur Bank. Das Geld kam gut an und konnte es konnte auch problemlos darüber verfügt werden. Er nahm sein Bargeld, ließ sich Karten geben, gab Unterschriften, erhielt Kopien und Dokumente. Bis sich am Ende seines Plans alle Schäfchen im Trockenen befanden.

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