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Zukunft der Eremiten

Warum eigentlich das Haus verlassen? Das Gute liegt doch so nahe. In den eigenen vier Wänden könnte man alles geboten bekommen, was der Mensch zum Leben braucht. Mit ein paar zukünftigen technischen Neuerungen wäre sogar der körperliche Kontakt mit dem Partner zu ersetzen. Vom Zusammenleben ganz zu schweigen.

Utopie in den eigenen vier Wänden

Ein Leben ohne das Haus zu verlassen. Ohne Arbeitsweg, Extremhitze, Glatteis und Frieren. In einer Arbeitsgesellschaft, die auf Heimarbeit ausgerichtet ist und für Outdoor-Arbeit vorwiegend Maschinen und Roboter einsetzt.
Die Wohnungen und Häuser müssen an Platz, Gemütlichkeit und Komfort natürlich noch ein wenig zulegen. Mehr Schallschutz, mehr Privatsphäre, mehr Raum, alles einer zukünftigen Infrastruktur gerecht werdend.

Gefühle und Action im Cyberspace

Um nicht an Verödung zu verzweifeln, genießen Eremiten ein phänomenales Entertainmentsystem, das wunderbar in Huxleys Schöne neue Welt passen würde. Ein gefühlsechtes Cyberspace verpasst jede noch so fantastische Illusion.

Körperliche Nähe? Innerhalb einer Fingerbewegung verfügbar. Mit wem und wie vielen auch immer. Und das ohne sich mit Geschlechtskrankheiten oder irgendwelchen anderen Viren anzustecken.

Möglich wären auch Illusionen von Zeitreisen, vielleicht zu einer Orgie von Caligula. Man könnte Geschichten von Marquis de Sade aus welcher Sicht auch immer erleben. Je nach Geschmack wäre stattdessen auch eine Visite in Shakespeares Sommernachtstraum denkbar. Es bietet sich das Verona Beach Romeos und Julias an, egal ob aus der Perspektive des Liebespaars oder einer anderen Person in diesem Umfeld, mit einer ganz anderen Story, die im Begriff ist, durch die eigenen Handlungen zu entstehen.

Den Kick ein Autorennen zu fahren gefällig? Ebenso machbar wie die Illusion, eine eigene Knastgang oder ein Drogenkartell zu leiten. Kriegserlebnisse, Himalajabesteigungen, extremes Snowboardfahren. Steht abrufbereit im Cyberspace.

Nach Lust und Laune schlemmen, ohne dicker zu werden oder sich unkoscheren Kram einverleiben. Vom Fast Food Restaurant mit fettigen Pommes und Riesenburgern bis hin zum Gourmetrestaurant wartet ein Schlaraffenland für Vielfraße. Und das ohne Konsequenzen.

Warum nicht seinen einen Collegefilm kreieren? Mit sich selbst in der Hauptrolle. Es sei denn, man möchte weniger im Mittelpunkt stehen und lustigen TV-Charakteren, wie Monika, Phoebe und Rachel oder Niles und Frasier den Vortritt lassen. Für ein paar Stunden vergessen, wer man wirklich ist. Wichtig sind dann nur noch die Studentenverbindung und die Campuspartys. Auf dieser taucht Jim Morrison auf und nimmt einen mit auf eine Reise durch die verbrennende Nacht. Diese führt dann hinein in Alices Wunderland.

Die Bio-Zukunft

Der eremitierende Mensch lebt in völliger Gesundheit, biologisch und energetisch. Die Nahrung wird ökologisch hergestellt. Man betreibt Sport und besitzt neben einem Fitnessraum vielleicht sogar einen Wellnessraum mit Sauna. Sogar Normalverdiener können sich einen eigenen Pool gönnen, wenn sie sich das unbedingt wünschen.
Die Medizin ist auf energetische Eingriffe und Prävention ausgelegt. Chirurgie oder chemische Tabletten sind zu vermeiden. Wenn das Verlangen besteht, sorgen sich zudem Psychoanalytiker und Coaches um die innere Hygiene. Körper und Geist leben in gesundem Einklang.

Fortpflanzung unter Eremiten

Ein Leben ohne Partner und Kinder wäre in einer solchen Welt durchaus vorstellbar. Die Fortpflanzung erfolgt dann über die Spende von Erbgut, eingesetzt in Zeugungskliniken, die ganze Geburtskohorten zur Welt bringen. In einer optimalen Zahl versteht sich. Natürlich wäre man nicht Mensch, wenn hier die Chance der genetischen Manipulation verpasst würde. Das Ziel ist aber nicht, den ultimativen Supermenschen zu generieren, sondern moderat auf eine “positivere” Entwicklung des gesamten menschlichen Erbgutes hinarbeiten. Um aber eine extreme Manipulation zu vermeiden, sollte der Zufall wie auch andere zu simulierende Faktoren bei der Fortpflanzung immer noch eine große Rolle spielen. Alleine der Vielfalt wegen.
Die Kinder werden von Hebammen- und Ärzteteams aufgezogen, vielleicht sogar von den Spendern der Eizellen. Man mag Eremit sein, aber nicht blöde. Babys brauchen menschliche Nähe. Und es gibt nun einmal auch in einer solchen Zukunft Berufe, die ein Verlassen des Hauses wie auch soziale Interaktion erfordern. Die Lösung liegt vielleicht in einer der Zeugungsklinik angeschlossenen Wohnanlage, sodass die Beschäftigten nur durch einen Park oder einem Tunnel gehen müssen, und schon in ihrer Arbeit sind.


Die Möglichkeiten eines solchen Cyberspace wären endlos. Paradiesische Genüsse, Gaumenfreuden, Frühlingsgefühle, Adrenalinkicks oder beispielsweise ozeanisches Schweben für postsoziale Einsiedler. Und das bei einem vorbildlichen Bio-Lebenswandel, bester Gesundheit und fast ganz ohne Risiko und Unfallgefahr.
Da macht zu Hause bleiben Spaß! Die Zukunft gehört den Eremiten.


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